Assata Shakur: Ein Gespräch in Havanna, Cuba

von hier http://www.fgbrdkuba.de/literatur/assata-shakur-ein-gespaech-in-havanna.php

Assata Shakur, wurde am 16.7.47 in den USA geboren, sie ist eine Frau aus dem Schwarzen Widerstand in den USA, ehemaliges Mitglied der Black Panther Party (BPP) und der Black Liberation Army (BLA), sie lebt seit 1984 auf Cuba.



Auszug vom Gespräch mit Assata Shakur am 15.09.91 in Havanna, Kuba:


Wie sind deine Kontakte in die USA, nimmst du noch in irgendeiner Art und Weise an den Geschehnissen dort teil?

Ich habe nicht sehr viel Besuch aus den USA, aber ich versuche über die Leute, die kommen am Ball zu bleiben. Hier besonders in Bezug auf die Afrikaner in den USA und was die sozialen Bewegungen angeht und ich versuche mir darüber klar zu werden, wie die objektiven Bedingungen in den USA sind.

Wie siehst du die Bedingungen in den USA?

Es gibt einen generellen Rechtsruck, die Linke befindet sich in einem Desaster und ist verwirrt. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Es gibt 3 5 Millionen Obdachlose und trotz aller Propaganda aus dem rechten Flügel, eine Gruppe Menschen, die nicht mehr glücklich ist mit dem wie es ist. Das sind nicht viele aber es gibt sie. Sie sind eine Minderheit und völlig desorganisiert und ungefähr 50 Jahre zurück, sie scheinen noch im Jahre 1917 zu leben und zu glauben, daß ein Flugblatt "Arbeiter der Welt vereinigt Euch", ausreicht um Leute zu organisieren. Viele Linke haben bisher weder Fernsehen, Video oder Radio für sich entdeckt.

So befinden wir uns in einer Situation, in der die Masse in der Realität lebt während die Linke die Geschehnisse von einem anderen Planeten aus zu analysieren scheint.

Der linke Teil des Black Liberation Movement ist ein bißchen organisierter, aber in dieser kompletten Verwirrung, die herrscht, muß es besser werden. Bessere Analysen müssen gemacht, bessere Organisations- und Mobilisierungsformen müssen gefunden werden, um zu überleben und endlich effizienter zu sein.

Ein Teil dessen, was passiert, kommt daher, daß unsere Bewegung seit Jahren aus verschiedenen Gründen stagniert, die zum Teil damit zu tun haben, daß versucht wurde, ein Modell der sowjetischen Realität in den USA aufzubauen, was natürlich verrückt ist.


Wie siehst du die Geschichte der Black Liberation Army (BLA)? Was war deine Situation in der Bewegung und was glaubst du woran ist sie gescheitert ist?

Ich bin in den 60er Jahren, die sehr wichtig waren und in denen in den USA sehr viel los war, politische Aktivistin geworden. Zuerst in der Bürgerrechtsbewegung, um die tatsächlich existierende Apartheid im Süden der USA zu beseitigen. Die Farbigen hier durften keine öffentlichen Räume betreten, nicht wählen, keine öffentlichen Ämter bekleiden, fast nirgends arbeiten. Es herrschte Apartheid.

Das Ziel der frühen Bürgerrechtsbewegung, die Situation, besonders im Süden zu beenden und als sich alles immer weiter nach Norden ausdehnte, bekam sie einen anderen Charakter und wurde zum Black Power Movement. Das BPM ging davon aus, daß Rassismus nicht nur im Süden existiert, sondern daß das gesamte amerikanische System rassistisch ist.

Die Situation in den Black Communities ist ständigem Terror ausgesetzt, nicht so sehr durch den Ku-Klux-Klan, als vielmehr durch eine rassistische Polizei. Das Leben der Farbigen wird durch und durch von den feindlich gesonnenen Institutionen gemaßregelt. In New York bin ich mit der Black Liberation Movement / BLM und der Anti-Kriegs-Bewegung in Berührung gekommen – es war die Zeit des Vietnamkrieges- , und viele Menschen waren der Meinung, dieser Krieg sei unmoralisch und dürfe nicht geführt werden.

Und während wir den Krieg beobachteten und ihn bekämpften, wurde vielen von uns klar was Imperialismus ist, Das war auch der Punkt, an dem ich endgültig ein Bewußtsein darüber entwickelte, das es Imperialismus gibt und was er ist.

Es gibt natürlich nicht nur einen Grund für das Scheitern der Black Panther Party / BPP. Ein wichtiger Punkt war die Repression durch die US-Regierung.

Hier hauptsächlich das COINTELPRO, das Counter Intelligence Program, das Ende der 60er Jahre speziell dazu eingeführt wurde, alle militanten Elemente des BLM zu zerstören und die BPP zum Hauptangriffsziel hatte. Leute aus allen Teilen des BLM wurden zu Unrecht vieler Verbrechen beschuldigt und ins Gefängnis geworfen. Einige wurden umgebracht, andere regelrecht verrückt gemacht, sie wurden als Agenten bezichtigt und Mißtrauen untereinander gesät. Das Ausmaß der Repression war sehr viel schlimmer, als wir erwartet hatten und ich glaube keine/r von uns war auf diese Härte und die Grenzen, die von staatlicher Seite aus dabei überschritten wurde, vorbereitet. Die Existenz des COINTELPRO wurde dann ja aufgedeckt und Punkt für Punkt veröffentlicht, so daß das ganze einen anderen Namen kriegen mußte. Das Programm an sich gibt es heute noch und ist ausgefeilt worden. Heute ist alles ein bißchen "legaler".

Die Repression war aber nur ein Teil. Ein anderer Punkt war die Unreife unserer Bewegung.

1965 haben die Menschen gerade angefangen zu kapieren, um was es beim Imperialismus geht. Es war so wahnsinnig viel los, es gab das Black Panther Movement ( BPM, das regelrecht explodierte. So wuchsen die Bewegungen, ohne eine genauere Strategie, eine Ideologie und eine Taktik zu haben.

Alles lief mehr über den Bauch, ohne direkte politische Linie.

Es kam eine Zeit in der die meisten militanten Sektoren des BLM übereinkamen, daß, wolle man/frau eine Art Sozialismus haben und solle die Bewegung erfolgreich sein, es nicht nur eine Rassen- sondern auch eine Klassenanalyse geben müsse. Die nationale Frage wurde eine der dringendsten Fragen, die sich unserer Bewegung stellte, also: wohin geht unsere Befreiung? Welche Form wird diese Befreiung haben? Sind wir eine Nation, sollen wir uns für unabhängig erklären? Sollen wir für eine eigene Nation oder für die Integrierung in einem sozialistischen Amerika kämpfen? Das war in den 70ern eine Schlüsselfrage.

So gab es damals eine Situation, in der jede linke afroamerikanische Gruppierung des Sozialismus, Marx, Engels, Mao usw. usf. Studierte, anstatt sich darüber bewußt zu werden, daß man/frau in einer bestimmten Phase unserer Geschichte angelangt war, in der gemeinschaftlich die Notwendigkeit erkannt würde, für den Sozialismus zu kämpfen. Und an Stelle eines vereinigenden Faktors wurde es ein trennender.

Es gab damals international ganz klar eine Trennung der Bewegungen. Der Maoismus war auf seinem Höhepunkt, die meisten kommunistischen Parteien hatten sich mitten durchgeteilt und die Situation in den USA war noch viel komplexer. Es gab fast 80 verschiedene Organisationen und alles was es damals gab, war noch x.mal gesplittert.

Und es gab diese neuen, farbigen Bewegungen, die sich überlegen welchen Weg man/frau in diesem ganzen Wahnsinn gehen sollte. So sind viele Gruppierungen aller möglichen Schattierungen in den 70er Jahre gegründet worden, weil man/frau nicht in der Lage war, die gemeinsamen, konkreten Punkte in den Vordergrund zu stellen und sich auf die Einigung der Bewegung zu konzentrieren.

Da kämpfte der Maoist gegen den Nationalrevolutionär, oder die Leute, die der sozialistische Linie folgten. Es war ein einziges Chaos. Dazu kam ein Problem, daß sich vielleicht 4-5 Jahre hinzog. Die Leute wurden dahingehend einer Gehirnwäsche unterzogen, daß sie dachten, tatsächlich würde alles doch schon viel besser laufen. In den frühen 70ern mußte die Regierung einige (soziale) Zugeständnisse machen und den Leuten einige Krumen hinschmeißen und so hatten viele den Eindruck, es habe sich etwas geändert. Es waren mehr Farbige im TV zu sehen, nicht als HauptdarstellerInnen, aber in Werbespots und in den wenigen Farbigen-Shows.

Diejenigen, die im Interesse der Menschen sprachen wurden ersetzt durch solche, die nur Chaos fabrizieren aber auf der Lohnliste der US-Regierung stehend, von dieser auch unterstützt und hofiert werden.

Ich glaube gerade in diesem Moment sind die Bedingungen für die afrikanischen Comunities wie für alle 3. Welt-Menschen in den USA besonders schlimm und die Bewegung spaltet sich immer mehr. Es gibt wohl Leute die kämpfen, aber ohne eine ideologische Richtung, die besser ist als die aus den 60er Jahren, werden wir nicht sehr weit kommen.

Ich denke also, daß eine Hauptursache unseres Kampfes im Moment die um einige ideologische Schlüsselfragen sein muß. Wir müssen mit unserer Realität umgehen, anstatt weiterhin Mustern zu folgen, die alle ein wenig futuristisch sind.

Gleichzeitig müssen wir die vorhandenen Möglichkeiten z.B. die Medien besser nutzen, müssen kreativer und lebendiger werden, anstatt die Leute so entsetzlich zu langweilen, bloß weil wir politisch sind. Wir haben kein Recht die Menschen im Namen der Politik und der Veränderung zu Tode zu langweilen. Wir müssen sensibler werden. Ich glaube nicht, daß wir die gesamte Menschheit zum Studium des "Kapitals" überreden und ihnen vormachen können, das würde nun den großen Umschwung bringen. Wir müssen realistischer, weniger elitär, humanistischer werden, und ganz bestimmt einen neuen Stil entwickeln, der sich weentlich deutlicher auf die 3. Welt bezieht.

Ich glaube heutzutage gibt es wieder mehr Menschen, die sich ihres kulturellen Ursprungs erinnern und damit politisch arbeiten. Es gibt ja z.B. diese Rap-Gruppen, die die Leute über ihre Stücke politisieren.

Das ist erst ein Anfang, aber wir müssen mehr darauf achten, daß die Ideologie der arbeitenden Menschen ihren Lebensstil widerspiegelt. Wenn ich mit jemandem reden will, dann muß ich seine/ihre Sprache sprechen, sonst ist das Respektlosigkeit.

Wie hat sich der Golfkrieg und der damit scheinbar verbundene Aufschwung der USA auf die Repression dort ausgewirkt?

Bei Kriegsausbruch gab es eine beträchtliche Widerstandsbewegung dagegen, natürlich hauptsächlich in den größeren Städten wie New York und San Francisco. In den kleineren Städten paßierte nicht viel. Die Qualität dieser Antikriegsbewegung war ziemlich schizophren. Einerseits erklärten die Leute, sie seien gegen den Krieg, andererseits waren sie für die US-Regierung, oder auch: sie sind dafür die Truppen zu unterstützen, aber nicht so lange sie im Irak sind. Es kam zu dem Punkt, wo die Demonstranten nicht mehr wußten wofür und wogegen sie waren. Und es wurde nie ganz klar, abgesehen von einigen wenigen Demonstrationen, daß es gegen den Imperialismus ging. Die ganze US-Propaganda hat meiner Meinung nach dazu geführt, daß sogar die am weitesten links stehenden Menschen sich nicht mehr getraut haben konsequent gegen den Krieg einzutreten. Die Lage wurde dadurch nicht gerade besser, daß die Situation im Irak und mit dem verrückten Führer dort so verworren war. Letztlich hat diese Konfusion sogar der US-Regierung in ihrer Argumentation geholfen.

Eine ganz klare Bemühung war es diesen Krieg, für ein Neuinstallation dieses rechten "RaRaRa"-Yankee Gefühls (I'm an american !!!) zu nutzen, das sich überall wieder breitmachte und durch die US-Propaganda natürlich heftig mitangefeuert wurde.

Aus den Medien bekam man/frau z.b. den Eindruck, daß das gesamte amerikanische Volk wieder die berühmten "yellow ribbens" (gelbe Bänder) um ihre Autos, Häuser, Bäume usw. binden würde. Die gelben Bänder symbolisieren seit langer Zeit ein Einverständnis mit der amerikanischen Kriegsbeteiligung und eine Unterstützung der US-Linie und der amerikanischen Truppen. Einem Freund ist es passiert, daß er abends nach Hause gekommen ist und so ein gelbes Band bei ihm im Baum vor dem Haus hing. Er hat es abgemacht und morgens hing es wie von Zauberhand ein Neues da. Er machts wieder ab und als er von der Arbeit kommt erwischt er jemanden der gerade ein drittes Band an seinen Baum hängt. Und er sagt: Stop, ich will so ein gelbes Band nicht. Aber der Mann im Baum sagt, das müßte sein und das hätte jeder. Der Freund besteht darauf, daß er so etwas in seinem Baum nicht haben will und das wäre seine Entscheidung. Woraufhin der andere erklärt, dieser Baum gehöre der ganzen Nachbarschaft und das Veteranenkomitee hätte nun mal beschlossen, daß die gelben Bänder überall hängen sollen und sie hätten sehr wohl das Recht, dies auch gegen jemandes Willen durchzusetzen.

Es ist fast zu einer Schlägerei gekommen und der Freund beschloß, es nicht wegen des Krieges zu einem Kampf kommen u lassen. So gab es eine Untersuchung in der Nachbarschaft, während der festgestellt wurde, daß dieser Baum sehr wohl der Nachbarschaft gehöre, und daß diese daher auch das Recht hätte überall yellow ribbons aufzuhängen …

Es ist also zu wirklich krankhaften Auswüchsen gekommen und derartiges ist natürlich nicht nur in diesem einen Fall passiert. Aber es wurde immer so getan, daß alle, aber wirklich alle Amerikaner diese gelben Bänder heraushängen würden.

Insgesamt hatte die US-Regierung während des Krieges wieder einmal die Gelegenheit, sich der Weltöffentlichkeit als internationale Polizei zu präsentieren, und mit einem echten Kriegsgewinn dazu. Sie standen als Gewinner da mit Hilfe ihrer Kriegsmaschinerie und ihrer High-Tech-Waffen.

Die Linke hat damals gelitten und leidet noch heute. Der Krieg war nicht so lang. Die Medien haben es geschafft, einen Krieg zu zelebrieren in dem nach Schätzungen ca. 100.000 Menschen umgebracht worden sind. Und es ist nicht gelungen, einen echten Aufruhr gegen die offen stattfindende Gewalt auszulösen. Es ist noch nicht einmal ein ernsthafter Präzedenzfall für zukünftige US-Aktivitäten geschaffen worden. Es gibt doch ein erschreckendes Bild davon, wie desensibilisiert wir schon alle gegenüber Gewalt sind und uns sogar damit abspeisen lassen, daß die Regierung bisher keine genauen Zahlen nennen mußte, sondern sich hinter langen Erfolgsmeldungen verschanzen konnte. In diesen Zeiten der Yankee- und Europaeuphorie ist die Frage der 3. Welt in Vergessenheit geraten.

Der Rassismus ist soweit institutionalisiert, daß Menschen es mittlerweile akzeptieren, daß 3. Welt Bewohner wie die Fliegen sterben und unerwähnt bleiben, wie in der Kriegsberichterstattung geschehen.

Europäische ArbeiterInnen tragen eine Mitschuld an der Ausbeutung der 3. Welt, in dem sie zunehmend die Privilegien der reichen Klasse auch für sich fordern, ohne dabei zu berücksichtigen, woher der Reichtum genau kommt; nämlich aus Staaten, die dafür bis heute rücksichtslos ausgeraubt werden.

Im Osten Deutschlands stellen die Menschen diese Ansprüche auch. Sie wollen leben wie die Westdeutschen, ohne zu berücksichtigen, worauf deren Reichtum beruht. Die Menschen sind so desensibilisiert, daß sie nicht mehr merken, daß der ganze Luxus auf dem elend vieler Staaten aufgebaut ist, wo es an Essen, an Ärzten, an Schulen, an Jobs und allem fehlt. Die USA, BRD, England, Frankreich usw. feiern demokratische Siege, ohne jemals zu erwähnen, daß die Demokratien von denen sie reden nicht das Recht auf all das enthalten, was den Menschen fehlt. Die Demokratien die jetzt z.B. in Lateinamerika gefeiert werden sind nichts anderes als Kosmetik, die Menschen haben genauso wenig Rechte wie vorher.

Wir haben eine Situation, in der z.B. Freiheit für Ungarn sich so auswirkte, daß sofort Beziehungen zu Südafrika aufgenommen wurden. Da fragt man/frau sich doch, was für ein Bewußtsein solche Menschen haben. Die selbe undifferenzierte Haltung menschlichen Leidens gegenüber kann man/frau z.B. in den USA sehen.

Es gibt mehr Menschen in den USA, die sich um den Fortbestand des Nashorns in Afrika kümmern, als es Farbige in den USA gibt. Das kommt daher, daß der Humanismus bis zu einem gewissen Grad immer vom politischen Kampf getrennt wurde, in dem Sinne, daß z.b. die Leute die meinetwegen für Sri Lanka, Lateinamerika, Afrika oder sonstwo gesammelt haben, fast nur noch aus rechten oder kirchlichen Kreisen kamen, aber nicht oder kaum von Links.

Das wurde meistens bürgerlich-liberalen Organisationen überlassen. Und jetzt gehen die Hühner nach Hause, um sich alle wieder auf der Stange niederzulassen, weil diese Organisationen gerade erklärt haben, daß es unmodern geworden sei sein/ihr Geld der 3. Welt zu geben. Dieses Jahr haben gerade die Kurden es mal geschafft, ein bißchen von dem wenigen zu ergattern, das noch gespendet wird. Von Jahr zu Jahr wird das Spendenaufkommen geringer, obwohl es nach wie vor in vielen Ländern Probleme wie Hunger, Cholera usw. usf. gibt.

In Brasilien läuft mittlerweile Polizei herum und ermordet Obdachlose und vor allem Kinder, deretwegen niemand irgendwo protestiert. Dies ist angeblich eine Demokratie. Das ist aber eine, wie in den meisten 3-Welt-Ländern, die nach langen Jahren der Diktatur; noch weitgehend vom Militär beeinflußt ist. Verbunden damit ist, daß den Staatsorganen eine fast grenzenlose Handlungsfreiheit zugestanden wird, aus angst man/frau könne sonst, angesichts der vielen ungelösten Probleme in diesen Ländern, wieder in eine offene Militärdiktatur zurückfallen. In der westlichen Welt hat sich eine Form der Demokratie entwickelt, wo es nur noch darum geht, wer den besten Werbespot macht, wer das meiste Geld für eine Kampagne (Wahlkampagne) gibt. Es wird also auch ein Riesengeschäft mit der Scheindemokratie gemacht, wobei die armen Leute so gut wie keine Chance haben, ihre Interessenvertretung zu bekommen. Diese Ausgrenzung geht quasi bis zur Gehirnwäsche, wobei die Uniformiertheit über das Vorenthalten von Informationen, über internationale Vorgänge dazu führt, daß diese Menschen nicht in der Lage sind, diese Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Da die Welt also in einem ziemlich fertigen Zustand ist, ist es für keinen revolutionären Prozeß mehr genug einfach nur zu "gelingen".

In den 60er Jahren dachten ja einige Leute, daß nach mehreren solchen Erfolgen wie die Anti-Vietnam-Bewegung sich die Revolution wie ein Steppenbrand ausbreiten würde. Aber einer der Fehler, die damals gemacht wurden, war die Unterschätzung des imperialistischen Systems, seine Macht und seinen Einfluß weltweit.

Ein Ergebnis des Golfkrieges, das zwar nicht lauf formuliert, aber in den Köpfen der Menschen festgesetzt ist, ist daß die großen, die mächtigen Staaten ein Recht auf militärische Intervention haben. Kleine, arme Staaten aber nicht. Als die UdSSR in Litauen einmarschiert ist, konnte Bush nichts dagegen sagen. Nicht weil es keine ideologischen Differenzen gegeben hätte, sondern weil es in den neuen Rahmen passte. Die USA haben nicht an einem einzigen Punkt protestiert. Nun wo sich immer klarer herausstellt, daß die UdSSR nicht länger die große ideologische Bedrohung ist, lautet die gemeinsame Richtung "Wir gegen die 3. Welt". Es wird ein neues Gesetz geschrieben, daß den Großmächten alle Möglichkeiten und Rechte (wie internationaler Gerichtshof, Vetos in der UNO-Vollversammlung usw.) zugesteht und den kleinen Ländern nichts mehr.

Der Imperialismus hat in meinen Augen eine neue Ebene erreicht. Ich denke, uns allen würde eine neue Analyse gut tun. Lenin hat zu seinen Lebzeiten eine sehr gute Analyse für ein aufsteigendes System erstellt, aber jetzt haben wir Umstände und Widersprüche auf einem ganz anderen Level und die von uns, die die Welt gerne ändern möchten, müssen eine tiefgreifende Analyse des Begriffs Imperialismus und was die "arbeitende Klasse" ist, machen. Früher waren wir mit dem Begriff ArbeiterIn sehr großzügig ein(e) ArbeiterIn war ein(e) ArbeiterIn. Aber eine weiße ArbeiterIn in Südafrika ist natürlich etwas anderes als eine farbige ArbeiterIn.

Das sind zwei verschiedene ArbeiterInnen. Ein(e) europäische ist eine andere als in Bangladesh, Bolivien oder El Salvador.

Es ist fast schon unmoralisch zu sagen man/frau kämpfe für die Rechte der ArbeiterInnen, ohne die Situation in der Welt und die Unterschiede innerhalb dieser Klasse zu beherzigen.

Was aktuell passiert muß viel genauer untersucht werden. Und es müssen viel mehr klare Positionen gegen die heute stattfindende Ausbeutung bezogen werden. Wer heute AntiimperialistIn sein will, muß sich damit beschäftigen was in der Welt vor sich geht. Das untersuchen und eindeutigere Aussagen zu der herrschenden Ausbeutung machen. Ich denke einer der Gründe, daß in so vielen osteuropäischen Staaten, neben ewigen Widersprüchen, Korruption und Repression, dieser ideologische Bankrott zustande kommen konnte, war, daß das Bewußtsein der Menschen zwar mit der Zeit durch und durch antiimperialistisch geworden war, es gab Schulungen und Studiengänge, aber es fehlte ein aktives Leben dieser haltung, ein Wissen über Antiimperialismus und es gab keinen wie auch immer gearteten Aufruhr darüber, daß Menschen verhungerten. Das hat dazu geführt, daß es eine neue Form von ArbeiterInnen gab, die sich immer nur als Opfer sahen: aller westlichen Errungenschaften wie Jeans beraubt und Opfer eines durch und durch korrupten und in vielen Teilen repressiven Staates. Eines der Schlüsseldinge, die man/frau im Moment bei der Veränderung in Beziehung auf Rassismus, und dieser Kampf tobt ja in allen diesen Ländern, beobachten kann, ist das Fehlen jeder Betroffenheit für Menschen, die unter schlechten Bedingungen leben müssen.



Hrsg. Von Teilnehmerinnen der Brigade José Martí
1.-3- Tsd. Bremen, Agipa-Press, 1992
ISBN 3-926529-o7-5

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